Es gehört zum Jagen dazu, dass man sich Gedanken darüber machen wie die Jagd ablaufen sollte, damit sie ethisch vertretbar und nachhaltig ist. Das trifft auch auf die Gämsenjagd zu. Hier sind einige Standpunkte zusammengefasst – die im Vergleich weltweiter Praktiken überraschen können.
- Respektiere das Wild (kein unnötiges Beunruhigen. Vermeide, dass sich das Tier quälen muss. Achte auch das erlegte Wild. [4]
- Respektiere die Regeln. (Jagdgesetze kennen!)
- Respektiere die Bräuche (in den Alpenländern wird z. Bsp. der letzte Bissen verabreicht: ein Sträußlein von bestimmten Pflanzen, die oberhalb der Baumgrenze wachsen, etwa Heidelbeerkraut, Alpenrose oder Zwergweide. Es wird der erlegten Gämse als Ehrerbietung ins Maul gelegt.) Aber sei auch kritisch: Trenne Brauch von Brimborium. [4]
- Respektiere Deine Kollegen – kein Jagdneid! [4]
- Respektiere Nichtjäger (Erkläre ruhig und besonnen, wenn das Jagen nicht verstanden wird: „Wild lieben und töten mag ein Widerspruch sein. Aber das Leben hat viele Widersprüche und ist dennoch schön.“ [4])
- Trainiere deine Fitness. Auf der Pirsch außer Atem zu geraten, kann zu unkontrollierten Schüssen führen.
- Übe Bergsteiger-Techniken (zum Beispiel Gehen mit Mikrospikes). Ungeübte gefährden sich selbst und beunruhigen das Wild.
- Kontrolliere dein Temperament (keine Schussgier!) [4]
- Keine „Autopirsch“ – Fahrzeuggebrauch aufs Notwendigste beschränken! [4] (Bedenke 1.: Je größer deine Anstrengung für die Beute, desto eindrücklicher die Erinnerung an das Erlebte; Bedenke 2.: Ist die Straße erst mal da, wird sie auch benutzt. Bedenke 3.: In Ländern, wo Gämsen nur noch in Restbeständen und geringen Dichten vorkommen, ist die Autopirsch Standard. Die Gämsen wechseln zwischen Tälern. Diese werden von den Jagdführern abgefahren.)
- Sei in der Lage, Geschlecht und Altersklasse anzusprechen. [4]
- Verinnerliche das allgemein gültige Abschusskonzept: Die Jagd muss nachhaltig abschöpfen und so einen Gleichgewichtszustand herstellen. [4] Entsprechend muss gejagt werden: Jungenklasse stark reduzieren, vor allem Jährlinge (50 Prozent des Gesamtabschusses und mehr möglich). Auch Kitze können geschossen werden. Mittelklasse weitgehend schonen (ohne diese später keine Altersklasse). Alte Böcke in begrenztem Umfang ernten. Ohne reife Böcke steigt der Fallwild-Anteil bei den jüngeren. Sehr alte Böcke – teils Senioren genannt – machen in gut strukturierten Beständen lediglich 3 Prozent aus [4], in schlecht gemanagten Revieren fehlen sie. Außerdem: Der Abschuss der Geißen soll dem der Böcke entsprechen. Eine unnatürliche Verschiebung des Geschlechterverhältnisses – zu viele Geißen – hat negative Folgen (verlängerte Brunft → verzögertes Setzen → erhöhte Kitz-Sterblichkeit [2, 3, 4].
- Kenne deine Waffe. [4]
- Versetze dich in die Lage, mit dem ersten Schuss tödlich zu treffen. Die Vorgabe, „Weitschüsse“ zu vermeiden [4] ist problematisch, da „weit“ unterschiedlich definiert wird. Der Landesjagdverband Baden-Württemberg empfiehlt eine „angemessene Schussdistanz“. Bedenke, dass speziell bei Auslandsjagden der Druck groß ist, auch mal „was zu wagen“. Außerdem liegt es im Interesse des Jagdführers, den Kunden so schnell wie möglich zum Erfolg zu führen. Lasse Dich nicht unter Druck setzen!
- Schieße nicht, wenn deine Beute abstürzen könnte. [4]
- Berge die Beute fachgerecht (kein Schleifen über längere Strecken; kein unkontrolliertes Abrutschenlassen) [4]
- Wer schießt, birgt auch, bricht auf, und bringt die Beute zu Tal [4] Wäge ab! Bei Auslandsjagden ist es üblich, dass ein Helfer sich um die Wildversorgung kümmert.
- Die jährliche Entnahme (Abschuss) darf den jährlichen Zuwachs nicht übersteigen, wenn der Bestand gleich hoch bleiben soll (maximum sustainable yield) [3]. Hege von Gämsen bedeutet heute vor allem, das Verbreitungsgebiet zu sichern. [2] Bei Jagden beispielsweise in der Türkei scheint dies immer noch kein Thema zu sein. Konfrontiere deinen Jagdführer mit der Thematik, frage ihn, was getan werden müsste, damit Deine Kinder auch noch hier jagen gehen oder die Kinder des Jagdführers sein Business weiterführen können.
- Sammle Daten zu erlegten Gämsen und teile sie, damit für den Schutz der Tiere die richtigen Management-Maßnahmen realisiert werden können. Das ist vor allem dort wichtig, wo Gämsen bedroht sind. Relevante Daten sind zum Beispiel solche zu den Körpermaßen, Gewicht, Beschreibung des Fells (Fotos), Beschreibungen des Jagdgebiets, Angaben zur Größe beobachteter Gämsenherden. Der Council for Game and Wildlife Conservation (CIC) hat hierfür nach eigenen Angaben einen „Caprinae Conservation Hunting Report“ in Bearbeitung. [1]
- Bilde Dir eine Meinung zu kontrovers diskutierten Themen, zum Beispiel: Ansitzen an der Salzlecke – ja oder nein; Ist Handy-Gebrauch auf der Jagd auf Gämsen unwaidmännisch?, etc.)
- Wisse: Gemeinschaftsbasierte Trophäenjagd („community based trophy hunting“) kann Wilderei eindämmen, indem lokale Bevölkerungen auf Wilderei verzichten, wenn sie von den teils immensen Jagdgebühren profitieren. [1]
Quellen
[1] Damm, Gerhard R. and Franco, Nicolás, 2014: The CIC Caprinae Atlas of the World – CIC International Council for Game and Wildlife Conservation, Budakeszi, Hungary in cooperation with Rowland Ward Publications RSA (Pty) Ltd., Johannesburg, South Africa
[2] Knaus, W. Und Schröder, W., 1975: Das Gamswild: Naturgeschichte, Verhalten, Ökologie, Hege u. Jagd, Krankheiten. Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin
[3] Miller, C. Und Corlatti, L., 2009: Das Gamsbuch – Für Einsteiger und Profis. Neudamm-Neudamm, Melsungen
[4] Schnidrig-Petrig, R. and Salm, U. P., 2009: Die Gemse – Biologie und Jagd. Salm Verlag, Bern
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